Mein blühender Arbeitsplatz

Der Sinnesgarten für Menschen mit Demenz des Tobias-Hauses ist ein geschützter Raum im Freien

Ein Tag im Leben von Jana Morche, Gartentherapeutin im Tobias-Haus

Ein milder Julitag. Ich zupfe Unkraut, als eine Bewohnerin auf die Johannisbeeren neben mir zeigt und sagt: „Wunderbar!“ Die 83-Jährige hat demente Züge, fühlt sich aber, wie auch andere Bewohner mit eingeschränkter Alltagskompetenz, hier im Sinnesgarten sicher.

Das war vor einigen Jahren noch anders. Die an den Wohnbereich „Hagen“ angrenzende Fläche war eine abschüssige und verwilderte Wiese. Aber einige Mitarbeiter bemerkten damals schon, wie es die Bewohner belebt draußen zu sein. Zusammen mit der Heimleiterin Christine Berg überlegten sie, wie sie einen geschützten Raum schaffen konnten, in dem sich die Bewohner gern aufhalten.

Die Höhenunterschiede des Geländes auszugleichen und Wege anzulegen, um den Bereich in den Park zu integrieren, wäre kostspielig geworden. Also entschieden die Verantwortlichen, dass dort ein Sinnesgarten entstehen sollte, der mit Duftpflanzen, plätscherndem Wasser und farbenfrohen Beeten die Sinne anregt. Um dieses Projekt zu finanzieren, wurden mögliche Unterstützer persönlich um Hilfe gebeten und eingeladen, sich vor Ort ein Bild davon zu machen. So konnten rund 50 Prozent der Kosten durch Spenden gedeckt werden. 2015 wurde der 1.200 Quadratmeter große Garten eingeweiht.

Die Bewohnerin greift nach einer Traube Johannisbeeren, hält aber unschlüssig inne. Ich hole eine Schale, und wir pflücken gemeinsam. Dann setzen wir uns auf eine der Bänke im Sinnesgarten. Sie sind als Kommunikationshilfen und Ruheplätze gefragt. Festinstallierte Sonnenschirme und ein Sonnensegel bieten bei gutem Wetter Schutz für kleine Gruppenangebote oder gemeinsame Mahlzeiten im Freien.

Mit Genuss isst die Bewohnerin die Beeren und beginnt zu erzählen: „Das erinnert mich an den Garten meiner Tante, da gab es auch Johannisbeeren. Nach der Schule bin ich oft mit dem Fahrrad zu ihr gefahren und habe beim Pflücken geholfen.“ Sie erzählt mir, was in dem Garten alles wuchs, isst dabei die Schüssel leer und lächelt vergnügt. Dann gehen wir ein Stück. Die Wege hier sind barrierefrei und für Menschen mit Mobilitätseinschränkung auch ohne Hilfe nutzbar. Als Rundwege angelegt, ergeben sich mehrere unterschiedlich lange Gehmöglichkeiten, bei denen die Spaziergänger immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Bei den Hochbeeten bleiben wir stehen, eines kann mit Rollstühlen unterfahren werden. Auf ihnen wachsen Blumen, Kräuter und Nutzpflanzen. Ich pflücke ein Blatt von der Apfelminze und fahre damit über den Handrücken der Bewohnerin. „Das fühlt sich an wie Fell, nicht wahr? Eine Minze“, erkläre ich. Sie antwortet: „Ich kenne nur die“, zeigt auf die Pfefferminze daneben und reibt ein Blatt zwischen den Fingern. „Mmh, das riecht gut.“ Sie wendet sich ab und geht ihrer Wege. Ich kann sie allein gehen lassen, hier passiert ihr nichts.

Als Gartentherapeutin bin ich auch mit anderen hier, einzeln oder in kleinen Gruppen. Mit therapeutischer Zielsetzung gehen wir spazieren, gärtnern, ernten Erdbeeren, Radieschen, Möhren und Co. und verkosten sie. Neulich hat die Mitarbeiterin der Wohnküche von den Zucchini, die wir neben Paprika und Tomaten selbst angebaut haben, eine Mahlzeit gekocht. Das ist gesund und stärkt die Gemeinschaft. Aber so ein Garten macht natürlich auch Arbeit – und so gehe ich und zupfe weiter Unkraut.